"Eine starke Musiker-Lobby fehlt."

Simon Jäger

Simon Jäger ist wohl einigen bekannt als einer der vier Tenöre von I Quattro. Er leitet aber auch seit über zwanzig Jahren den Kirchenchor Dagmersellen. KKVL-Direktorin Aurore Baal hat ihn anfangs März 2021 zu einem Gespräch, unter anderem über die schwierige momentane Situation, getroffen.

Simon Jäger, wo bist du aufgewachsen?
Kennst du die Mohrenköpfe? Da! :) Eine kleine Gemeinde im Freiamt – in der ländlichen Gegend des Bünztales. Wir waren fünf Kindern und wir musizierten oft zusammen.

Wo hast du zum ersten Mal gesungen?
So richtig bewusst in der Schule; unser Primarlehrer ist (immer noch) ein leidenschaftlicher Musiker. Wir sangen jeden Tag und einmal im Jahr sogar mit Profiorchester ein richtiges Konzert zusammen mit dem ortsansässigen Chor. In diesem Rahmen hatte ich auch meinen ersten Soloauftritt vor voller Kirche.

Warum bist du Chorleiter?
Seit meiner Primarschule singe ich in irgendeiner chorähnlichen Gruppierung. Der Möglichkeiten gibt es in der Schweiz ja (immer noch) viele. Oft habe ich dann, vor allem während des Studiums, das Einsingen und/oder die chorische Stimmbildung gemacht. Zwischendurch habe ich auch kleinere Ensembles geleitet, bis mir dann vor mehr als 20 Jahren der Posten als Leiter des Kirchenchores in Dagmersellen angeboten wurde.

Was gefällt Dir an diesem Beruf?
Das Zusammenmusizieren, die unendliche Vielfältigkeit der Besetzungen/Interpretationen/Einsatzmöglichkeiten/Werke und das supergute Umfeld an meinem Arbeitsplatz.

Welche 5 Chorwerke gefallen Dir besonders?
Sie müssen eine gewisse Klangkomplexität aufweisen: z.Bsp.: Ave Maria von Anton Bruckner
Sie können eine gewisse Modernität beinhalten: z.Bsp.: O Nata Lux von Morten Lauridsen
Sie sollen einen gewissen emotionalen Gehalt haben: z.Bsp.: Abendlied von Josef Rheinberger
Sie dürfen einer gewissen Feierlichkeit nicht entbehren: z.Bsp.: Schlussamen aus Messias von Georg Friedrich Händel
Sie kommen um eine gewisse Melodikschönheit nicht herum: z.Bsp.: Dominus Lux Mea von Johannes Köppl

Es gibt natürlich noch vielviel mehr phantastische Chorwerke. Dies sind Stücke, die ich mit meinem Kirchenchor in Dagmersellen schon aufgeführt habe. Oft integriere ich auch ökumenische Stücke oder auch mal ein so genanntes weltliches Lied. Der Chor hat bestimmt in mindestens acht verschiedenen Sprachen gesungen und locker aus fünf Jahrhunderten.

Welche Orgelwerke gefallen Dir besonders?
Alle grossen Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, aber auch die grossen Orgelkomponisten aus Frankreich der Spät/Romantik: Louis Vierne, César Franck, Charles-Marie Widor, Léon Boëllmann, Francis Poulenc, Maurice Duruflé, Marcel Dupré, das sind die, die mir grad in den Sinn kommen.

Wie hast du von Chorverband KKVL gehört?
Gleich nachdem ich in Dagmersellen die Stelle als Kirchenmusiker antrat hörte ich vom KKVL, vor allem weil Edith Meier aus dem Dorf die Leitung des Kreises Sursee innehatte.

Welche Rolle spielt der Chorverband KKVL?
Ich weiss, dass es regelmässig eine Versammlung gibt, dass man sich bei der Stelle Infos holen kann; sei es für den täglichen Liturgie-Gebrauch oder bei Anstellungsverfahren. Momentan leitet Aurore Baal, «meine» ehemalige Organistin, mit viel Engagement der Verein als musikalische Direktorin.

Wie könnte man der Wahrnehmung der KKVL verbessern?
Es ist wie bei allem: Es müssen persönliche Kontakte fliessen können.
Gespräche, Beratungen, Grusskarte, News-Letter, Weiterbildungsangebote, Delegierten-Versammlung etc.

Wie hast du die Pandemie-Zeit von März 2020 bis März 2021 erlebt? Mit dem Chor und als Profi Sänger?
Mit der Politik, dass ausgerechnet wir Sänger derart negativ exponiert werden mussten, bin ich trotz aller Erklärungsversuche absolut nicht einverstanden. Dieses Wachkoma auf unbestimmte Zeit ist für mich ein unhaltbarer Affront. In der Schweiz fehlt die starke Lobby der Musiker. Sonart hat sich in letzter Zeit gut ins Zeug gelegt, viel informiert aber ist mit erst gut 2000 Mitgliedern aus allen Sprachregionen noch zu schwach.
Die verlorene Zeit im Chor nutzten wir um das gesamte Notenarchiv (über tausend Titel) durchzuschauen, etliches Verstaubtes zu entsorgen und alles neu zu katalogisieren. Das war ein 50-Stunden-Einsatz.
Als Sänger wirkte ich bei Online-Streaming-Konzerten und TV-Auftritten mit, was aber niemals ein Ersatz sein kann und wird für den Live-Kontakt mit dem Publikum. Mit I Quattro wurden wir um unsere 10-Jahre-Jubiläums-Tournee mit Symphonie-Orchester betrogen. Zurzeit sind wir in einer Pre-Production mit neuen Songs und grossen Zielen.

Ich/wir bleibe/n dran!!!

Kurze Biografie

Simon Jäger – ein einfühlsamer Sänger mit einem wachen Auge fürs Detail.
Nach seinem Schulmusikstudium studierte er Gesang bei Professor Peter Brechbühler an der Musikhochschule Luzern. Er schloss souverän mit dem Lehr- und Konzertdiplom ab, was ihn zu einem leidenschaftlichen Lehrer für Sologesang an der Musikhochschule in Emmenbrücke macht.
Ausserdem leitet er seit über zwanzig Jahren den Kirchenchor Dagmersellen. Das Oratorien- und Liedfach ist sein künstlerischer Schwerpunkt. Zudem überzeugt Simon Jäger auch auf etlichen Schweizer Theaterbühnen als Opern- und Operettensänger.
Webseite I Quattro
Webseite von Simon Jäger

 

 

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