Interview mit dem neuen Professor für Orgelspiel in Luzern

Kay Johannsen

Kay Johannsen ist ein international gefragter und stilistisch vielseitiger Organist, ein ebenso erfahrener wie entdeckungsfreudiger Chor- und Orchesterdirigent. Sein musikalisches Zentrum ist die Stiftskirche Stuttgart. Ab 2021 ist er Dozent für Orgel an der Hochschule Luzern. Die Dozentur ist nebenamtlich, so dass er weiterhin als Stiftskantor in Stuttgart tätig sein wird. KKVL-Direktorin Aurore Baal hat Kay Johannsen im Oktober 2021 getroffen.

A.B: Lieber Kay, du bist von Deutschland. Wo bist du genau geboren worden?
K.J: Geboren bin ich in Giengen an der Brenz, wo in der evangelischen Stadtkirche übrigens eine schöne romantische Orgel von Link aus dem Jahr 1906 steht, aber es ist nicht überliefert, ob ich bei meiner Taufe schon irgendwelche Anzeichen von Begeisterung gezeigt habe, als sie gespielt wurde.

Hast du während deiner Kindheit in einem Kinderchor und/oder Jugendchor gesungen?
Groß geworden bin ich aber nicht in Giengen, sondern bereits ab meinem dritten Lebensjahr in Todtnau im Schwarzwald. Es wurde in den Dörfern im Wiesental schon da und dort musiziert, aber eine Musikkultur, wie sie z.B. unsere Kinder in Stuttgart erleben konnten, gab es damals nicht. Eine Weile habe ich im katholischen Kinderchor gesungen, der von einer sehr engagierten Lehrerin geleitet wurde, aber interessanter war es später im Schulchor des Gymnasiums, denn da führten wir schon Stücke für Chor und Orchester auf. Ich spielte schon mit fünf Klavier und Orgel vielleicht ab zwölf, und ich weiß noch gut, dass ich regelmäßig die Orgelsendungen im Radio aufgenommen und darüber sogar Buch geführt habe. Mit vierzehn habe ich einfach selbst einen Chor gegründet, denn es gab keinen evangelischen. Ein paar meiner Lehrer sangen übrigens auch mit. Seitdem bin ich fast ohne Unterbrechung Leiter von Chören oder Vokalensembles.

Warum hast du Orgel studiert?
Das Kirchenmusikstudium war eine Fortsetzung von dem, was ich als Schüler eh schon gerne gemacht hatte. So ganz gründlich habe ich über Alternativen aber auch gar nicht nachgedacht. Wir wussten ohnehin sehr wenig über Studienmöglichkeiten und Berufe, die sich daraus ergeben konnten. Ich war allerdings nie ein einseitiger Musiknerd - ich liebte in der Schule z.B. Fremdsprachen, Deutsch und Geschichte, und Sport war mir auch nicht fremd. Ich habe nicht direkt nach dem Abitur studiert, sondern musste noch 16 Monate Zivildienst in einer Sozialstation leisten - das war eine ziemlich intensive und lehrreiche Zeit. Zu Beginn des Studiums dachte ich, dass ich eher Dirigent werden würde, denn andere waren auf der Orgel schon weiter. Aber ich habe dann mit der Zeit kapiert, wie das mit dem Üben funktioniert, und nachdem ich dann auch Wettbewerbe gewonnen hatte, war ich etwas zuversichtlicher.

Wer war dein erster Orgellehrer?
Mein erster Orgellehrer war ein rühriger Bezirkskantor aus Schopfheim, Johannes Lorenzen, der zum Ende seines Berufslebens noch über Regers Bach-Bearbeitungen promoviert hat. Ich muss aber gestehen, dass wohl meine Klavierlehrer die strengeren Begleiter meiner Laufbahn waren und mehr Einfluss auf meine Technik und meine Übedisziplin hatten. Musikalisch bin ich - mindestens im Studium - sehr von meinem Freiburger Dirigierlehrer Prof. Dr. Hans-Michael Beuerle geprägt worden.

Was sind deinen 5 liebsten Chorwerke ?
Das ist eine wirklich schwere Frage, und ich entschuldige mich bei den Hunderten von Chorwerken, die ich jetzt nicht nenne, aber vielleicht nennen würde, wenn ich die Frage morgen beantworten würde! Also: Bach / Messe h-Moll (überhaupt natürlich unzählige Stücke von Bach, dessen Vokalmusik ich in den letzten 10 Jahren komplett aufführen durfte), Mahler / 2. Symphonie (natürlich ist da nicht so viel für den Chor drin, aber die dunkel-mystischen Anfangstakte des Vokalparts haben auf mich eine unerhört magische Wirkung), Brahms / Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen? (um wenigstens ein A-cappella-Werk zu nennen, das ich täglich hören könnte), Franz Schmidt / Das Buch mit sieben Siegeln (z.T. hammerschwer für den Chor, aber durchweg großartig), schließlich: Verdi / Requiem (sorry, schon wieder ein oratorisches Werk, aber was will man machen, wenn sich die Klänge so dermaßen tief eingraben!)

Was sind deine 5 liebsten Orgelwerke?
Bei den Orgelwerken ist es ähnlich - wie sollte ich unter so vielen Meisterwerken einzelne bevorzugen? Bach natürlich auch hier, und spontan vielleicht Praeludium und Fuge h-Moll BWv 544 (emotional so vielschichtig), Reubke / Sonate über den 94. Psalm (ein Jammer, dass dieser Komponist so früh gestorben ist!), Widor / Symphonie Romane (das Werk kommt mir unter den Symphonien Widors besonders persönlich und auch etwas entrückt vor), Franck / Choral E-Dur (genial, diese Überhöhung des Melodischen), und schließlich noch Brahms / Herzlich tut mich verlangen (da lässt er uns eine andere Welt ahnen).

Du unterrichtest nun an der Hochschule Luzern im Bereich Kirchenmusik. Kannst du uns ein bisschen erklären, was deine Aufgaben dort sind?
Die Hochschule in Luzern kenne ich schon von zwei Semestern in den Jahren 2014/2015, als ich die von mir sehr geschätzte Elisabeth Zawadke vertreten habe. Ich unterrichte nun Studierende in allen möglichen Studiengängen, und zwar in Orgel-Literaturspiel und -Improvisation. Daneben gebe ich seit diesem Semester auch einige Stunden Kammermusik. Diese Vielfalt kommt mir sehr entgegen, und die Studierenden sind ja sowieso auch sehr unterschiedliche Individuen. Es reizt mich sehr, herauszufinden, was jede und jeder braucht, um weiterzukommen. Ich habe auch schon eine ganze Reihe von Etüden geschrieben, um auf manche Fragestellungen möglichst effizient reagieren zu können. Ich glaube, diese Produktion wird in den nächsten Semestern anhalten :-). Das Team mit Johannes Strobl, Suzanne Z'Graggen und Freddie James ist toll, und ich nehme die Atmosphäre in der ganzen Hochschule als sehr positiv war. Das neue Gebäude am Südpol spielt natürlich auch eine große Rolle.

Was gefällt Dir besonders in dein Job als Stiftskantor?
Meine Arbeit als Stiftskantor in Stuttgart ist umfangreich, aber ich habe auch eine wunderbare Untersützung durch mein Team bei der Stiftsmusik, so dass wir rund 100 Veranstaltungen jährlich durchführen können - und da sind die Gottesdienste nicht mitgezählt. Das Zentrum ist die wöchentliche Stunde der Kirchenmusik mit rund 20.000 Besuchern jährlich. Von September bis Juni ist diese Reihe ein Forum für die Chormusik (mit regelmäßigen Besuchen auch von Schweizer Ensembles!), und im Juli und August führen wir den Internationalen Orgelsommer durch. Die Mühleisen-Orgel in der Stiftskirche mit ihren 81 Registern ist wirklich so geworden, wie ich mir mein "Trauminstrument" vorgestellt hatte - ich besuche sie deshalb mit nicht nachlassender Freude.


Wie kannst du dein Heimat in Stuttgart und Luzern vergleichen? Was sind für dich Besonderheiten?
Luzern und Stuttgart? Ich genieße es jedes Mal, wenn ich in Luzern aus dem Zug steige und die Atmosphäre Stadt wahrnehme - manchmal auch mit dem sagenhaften Blick auf die Berge. Ich glaube, es ist leicht, zu Luzern eine emotionale Beziehung zu entwickeln - ich bin da jedenfalls schon ziemlich weit vorangekommen! Stuttgart ist eine "heiße" Stadt - es ist immer etwas los, das Bahnhofsbauprojekt nervt (und noch ein paar andere Baustellen), aber kulturell kann Stuttgart es sicher mit vielen größeren europäischen Städten locker aufnehmen. Hier zu arbeiten ist immer ein Ansporn.

Ein Wunsch für der Kirchenmusikverband Kanton Luzern-Zug?
Ich kenne die Arbeit des schweizerischen Verbands noch viel zu wenig. Vielleicht wünsche ich etwas, was es schon längst gibt! Zeitlos passend ist vielleicht, dass es immer Menschen geben möge, die ihre Begeisterung für die Musik in der Kirche überzeugend leben und an andere weitergeben können, also: Multiplikatoren – im Dorf wie in der großen Stadt, in Chören und in Gremien, auf Orgelbänken oder im Posaunenchor - und natürlich in Ausbildungsstätten aller Art." Am Dienstag 19. Oktober 2021.

Biographie von Kay Johannsen
Kay Johannsen ist ein international gefragter und stilistisch vielseitiger Organist, ein kreativer und leidenschaftlicher Improvisator und ein ebenso erfahrener wie entdeckungsfreudiger Chor- und Orchesterdirigent. Seine Kompositionen erreichen sowohl durch ihre klangliche Nuanciertheit als auch durch ihre mitreißende Rhythmik ein großes Publikum.

Sein musikalisches Zentrum ist die Stiftskirche Stuttgart. Als Stiftskantor leitet er die Stiftsmusik Stuttgart mit den Ensembles Stuttgarter Kantorei, solistenensemble stimmkunst, Stiftsbarock Stuttgart sowie Stiftsphilharmonie Stuttgart und der renommierten Konzertreihe Stunde der Kirchenmusik. Er ist auch künstlerischer Leiter des 10-Jahres-Zyklus Bach:vokal.

Zahlreiche Solo- und Ensemble-CDs sowie sein YouTube-Channel dokumentieren seine vielfältige Arbeit.

Berufung nach Luzern
"Im September 2020 wurde ich von der Hochschule Luzern - Musik auf eine Dozentur für Orgel berufen. Ab dem Frühlingssemester 2021 werde ich mit dem Aufbau einer Orgelklasse beginnen. Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe, das Arbeiten im nagelneuen Hochschulgebäude am Südpol und darauf, hin und wieder den wunderbaren Blick auf den Vierwaldstätter See zu genießen. Die nächsten Aufnahmeprüfungen finden im April 2021 statt. Die Dozentur ist nebenamtlich, ich bleibe also wie bisher Stiftskantor in Stuttgart."

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