Spardruck in Corona-Zeiten

Berichte aus Olten und Freiburg in Breisgau

Wie geht es den angestellten Musikerinnen und Musikern der Kirchgemeinden in diesen Corona-Zeiten? Häufig werden die Prozentstellen weiterhin bezahlt, während Arbeitsverhältnisse im Stundenlohn eher unterschiedlich geregelt werden. Der SKMV (Schweizer Dachverband für Kirchenmusik) hatte im Frühling 2020 ausdrücklich geschrieben, dass Organisten, ChorleiterInnen sowie InstrumentalistInnen gemäss Einsatzplan bezahlt werden sollten und nicht nach dem durchschnittlichen Monatslohn, weil es bei der Kirchenmusik je nach Monat grosse Schwankungen geben kann. Im Dezember, beispielsweise, während der Weihnachtswochen, fallen die Einkommen meistens höher aus als im Januar. Wir sind der Meinung, dass es den christlichen Werten entspricht, sich an das geplante Budget zu halten und die Löhne (auch Stundenlöhne) weiterhin auszuzahlen. Sonst geraten Personen und Familien in Not. Wenn kreative Lösungen als Überbrückung gefunden werden, ist das natürlich sehr schön. Als Beispiel seien Chorleiter erwähnt, die Online-Chorproben anbieten. Sie wenden dafür nicht weniger Zeit und Engagement als für eine Präsenz-Chorprobe auf. So wird den Kontakt zu den Chormitgliedern gepflegt und das Potential der Pfarreiangehörigen gefördert.

Nachfolgend zwei Ausschnitte aus interessanten Artikeln, mit Interviews von Kirchenmusikern in die Schweiz (besonders in Olten) und Deutschland (was aber auch der Situation in der Schweiz entspricht).

Artikel 1: "Trifft Spardruck Chöre?"

Zentral sei, dass die Pfarreien und Kirchgemeinden nicht unter finanziellem Druck das Budget für die Chöre streichen, betont Sandra Rupp Fischer. «Solange der Gottesdienst derart hohe Priorität in den Kirchen hat, müssen sich die Kirchgemeinden die Chöre leisten.»

Hier ist die Corona-Pandemie Chance und Herausforderung zugleich. Die Kirchgemeinden und Pfarreien müssen sich neu überlegen, was sie mit ihren Chören tun wollen. Die Pfarrerinnen und Kirchenmusiker müssen durchdacht entscheiden, wann und wie sie den Kirchengesang einsetzen.

Ein bewussterer Umgang mit Chören und Gesang steht also dem Spardruck und der Abwanderung von Chormitgliedern gegenüber. Was das heisst für die über Tausend Kirchenchöre der Schweiz, wird sich weisen müssen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 09.10.2020, 17:20 Uhr

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Artikel 2: "Situation in Diözese Freibourg in Breisgau"

«Das Singverbot beeinträchtigt dabei nicht nur das religiöse Gemeinschaftserlebnis, sondern es betrifft auch die Chöre und die sie leitenden Kirchenmusiker. Derzeit fallen fast alle Chorproben aus. Nur vereinzelt gibt es gemeinsames Singen über Internet-Videoprogramme.

Finanzprobleme bei Chorleitern

Dies bringt nicht wenige Chorleiter in erhebliche Finanzprobleme. Während viele Organisten Minijobs oder andere Arbeitsverträge haben und auch in Corona-Zeiten weiter beschäftigt werden, sind etwa die rund 600 Chorleiter im Erzbistum Freiburg nicht bei den Kirchengemeinden angestellt, sondern als Solo-Selbstständige engagiert. "Wir sind an diese arbeitsrechtliche Konstruktion gebunden. Und dies führt nun leider dazu, dass wir bei ausfallenden Chorproben eben auch keine Leistungen vergüten können", sagt Bernd Rees von der Personalabteilung der Erzdiözese Freiburg.

Der Kirchenmusikdirektor im Erzbistum, Godehard Weithoff, ergänzt, er könne die Verärgerung und Nöte der Betroffenen verstehen, das Erzbistum habe aber keinen Handlungsspielraum. Im Hintergrund stehen grundlegende arbeits- und steuerrechtliche Fragen.

Verärgerung über fehlende Solidarität

Das sehen die Betroffenen anders. "Ich erlebe die Reaktion der Kirchenleitung als zynisch und unsolidarisch. Ich bin sicher, es hätte einen anderen Weg gegeben, wenn sich beispielsweise der Generalvikar oder der Bischof dafür stark gemacht hätten", sagte Thomas Schmittenbecher, der im Raum Karlsruhe seit 20 Jahren mehrere Kirchenchöre leitet. "Wir sollen an allen Sonn- und Feiertagen bereit stehen, um mit Chor und Orchester für möglichst wenig Geld die Gottesdienste zu gestalten. In der Krise werden wir jetzt kalt fallen gelassen", so der Chorleiter.

Die Diözese entgegnet, die gesetzlichen Vorgaben seien eindeutig. Und ermutigt die Kirchengemeinden, die durch die Lockerungen der Corona-Auflagen entstandenen Freiräume zu nutzen. "Beispielsweise können kleinere Ensembles wieder im Gottesdienst auftreten. Chorleiter können sich auch als Vorsänger im Gottesdienst engagieren. Und diese Leistungen werden dann natürlich auch bezahlt", sagt Weithoff.

Unterstützung durch Corona-Hilfsprogramm

Ein weiterer Baustein könne das für Selbstständige aufgelegte Corona-Hilfsprogramm sein, über dessen Fortsetzung die Landesregierung gerade nachdenkt, ergänzt Bistumssprecher Michael Hertl. Dort können Betroffene bis zu drei Monate lang Gelder für ausgefallene Honorare beantragen. Auch Chorleiter Schmittenbecher ging diesen Weg: "Ich habe hier unbürokratische Zuschüsse erhalten. Aber diese Unterstützung läuft nun Mitte Juni aus." Zudem müsse er, auch ohne jedes Einkommen, Sozialabgaben an die Künstlersozialkasse zahlen.

Ob in den kommenden Wochen wieder normale Choraktivitäten möglich werden, ist derzeit völlig offen. "Die Kirche orientiert sich hier an den staatlichen Vorgaben des Infektionsschutzes", so Weithoff.

Volker Hasenauer

Am 4.06.2020 veröffentlicht, dennoch aktuell:

https://www.domradio.de/themen/kultur/2020-06-04/kirchenchorleiter-corona-krise-ohne-einkommen

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